Ellen Hinsey und Tomas Venclova   Magnetic North: Conversations.
GASTVERANSTALTUNG

3. Mai 2017  Mittwoch  20:00 Uhr

(Gespräch)
Literarisches Zentrum, Göttingen

Er hat sie alle noch gekannt: Joseph Brodsky und Czeslaw Milosz ebenso wie Wislawa Szymborska, Anna Achmatowa, Boris Pasternak und die sowjetischen Dissidenten. Als Kind erlebte Tomas Venclova die Okkupation seiner Heimat – erst durch die Sowjets, dann durch die Nazis. Sein Hunger nach Welt war unstillbar: Er ging nach Leningrad, lernte Sprachen, befasste sich mit der modernen Poesie und geriet als Übersetzer und Dichter früh ins Visier des KGB. 1976 gehörte er zu den Mitbegründern der litauischen Helsinki-Gruppe für Menschenrechte. Während eines Aufenthaltes in den USA wurde ihm 1977 die sowjetische Staatsbürgerschaft entzogen. Er lehrte bis 2012 an der Yale University und lebt seit 1990 auf zwei Kontinenten – ein Emigrant, der am unabhängigen Litauen zu viel auszusetzen hatte, um in sein Heimatland zurückzukehren, und sein Exil als »Glücksfall« empfand. 

Seine Dichterkollegin Ellen Hinsey hat Lyrik, Prosa, Dialoge und literarische Übersetzungen verfasst, in denen sie sich mit geschichtlichen und ethischen Themen auseinandersetzt. Ihre Aufsätze über Demokratie in Mittel- und Osteuropa sind in dem in Kürze erscheinenden Buch Mastering the Past (2017) zusammengestelltHinseys neuester Gedichtband Update on the Descent (Des Menschen Element, Matthes & Seitz 2017) war in der Endausscheidung der National Poetry Series und basiert auf ihren Erfahrungen am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Sie ist außerdem die Autorin von The White Fire of Time und Cities of Memory, das den Yale University Series Preis gewann. Sie ist die Herausgeberin und Mitübersetzerin von The Junction: Selected Poems of Tomas Venclova (Bloodaxe UK, 2008) und Verfasserin der in Dialogform geschriebenen Memoiren Tomas Venclovas, Magnetic North: Conversations with Tomas Venclova (Suhrkamp 2017).

Im Gespräch mit Ellen Hinsey rekapituliert Tomas Venclova sein Leben und lässt das 20. Jahrhundert wiederauferstehen: Ob es um Freundschaften geht oder um Fragen der Poesie, ob er über die Politik der Großmächte oder über die verwickelte Geschichte Mittelosteuropas spricht – Venclovas Klugheit und Selbstironie geben dieser großen europäischen Erzählung von Entwurzelung und Heimatlosigkeit etwas heiter Gelassenes.

 

Eine Veranstaltung des Englischen Seminars und des Seminars für Slavische Philologie der Universität Göttingen.