Kathrin Schmidt   »Du stirbst nicht«

24. November 2009  Dienstag  20:00 Uhr

(Lesung, Literatur)
Sterntheater, Göttingen

Es gibt vermutlich keine deutschsprachige, bis vor gar nicht so langem noch als sogenannte jüngere gehandelte Autorin in den letzten zehn Jahren, die ihre Leser weniger unterschätzt und dabei großzügiger unterhalten hätte als Kathrin Schmidt. – Daher freut es das Zentrum, Kathrin Schmidt, die aus genau diesem Grund bereits 2003 und 2007 am Haus zu Gast, wiederum begrüßen zu dürfen. Dieses Mal als Trägerin des Deutschen Buchpreises 2009 für ihren Roman „Du stirbst nicht“.
In der gerade verhauchenden DDR erschien ein erster Gedichtband. Dann folgte ein quasi zweites Debüt bei Suhrkamp. 1998 las man dann in dem Roman Die „Gunnar-Lennefsen-Expedition“ ein sprachgewaltiges Kalenderwerk deutsch geprägter Familien- und Weiblichkeitsgeschichte, dem 2000 ein weiterer Gedichtband folgte. Ausgezeichnet hat diese Bücher bereits der Dudenzauber, über den Kathrin Schmidt verfügt. Auch ihr Roman Koenigs Kinder brach damit nicht. Im Gegenteil: Die Kritik war begeistert, angenehm aufgestört von dem Gegenstand, der da vor ihr lag: vitaler, komplexer, narrativ geschickter als es eine Rezension jemals sein kann. Dann kam eine Krankheit. Ein Schlaganfall, Koma. Wochenlang. Tiefe Eingriffe. Danach fängt Kathrin Schmidt wieder bei Null an. Sie erlernt die Sprache neu. Ihre erste Lesung, noch im Genesungsprozess hat sie in Göttingen, im Zentrum (2003). 2005 erscheint, vielleicht etwas schwächer als alles vorherige, „Seebachs schwarze Katzen“, der erste Roman nach dem Neuanfang. Nun erschie „Du stirbst nicht“, bei dem man sich gar nicht erst die Mühe machen sollte, nach der autobiografischen Relevanz zu fragen. Es gibt ja keine Zeile Weltliteratur, die nicht die Tunke der eigenen Autobiografie gestreift hätte. Die Jury des Deutschen Buchpreis 2009 sagt: “Der Roman erzählt eine Geschichte von der Wiedergewinnung der Welt. Silbe für Silbe, Satz für Satz sucht die Heldin, nach einer Hirnblutung aus dem Koma erwacht, nach ihrer verlorenen Sprache, ihrem verlorenen Gedächtnis. Mal lakonisch, mal spöttisch, mal unheimlich schildert der Roman die Innenwelt der Kranken und lässt daraus mit großer Sprachkraft die Geschichte ihrer Familie, ihrer Ehe und einer nicht vorgesehenen, unerhörten Liebe herauswachsen. Zur Welt, die sie aus Fragmenten zusammensetzt, gehört die zerfallende DDR, gehören die Jahre zwischen Wiedervereinigung und dem Beginn unseres Jahrhunderts. So ist die individuelle Geschichte einer Wiederkehr vom Rande des Todes so unaufdringlich wie kunstvoll in den Echoraum der historisch-politischen Wendezeit gestellt«.
Das Literarische Zentrum gratuliert Kathrin Schmidt zu diesem Erfolg und freut sich, dass er so ein gutes Werk wie das von Kathrin Schmidt nun zu größerer Geltung verhilft.