Martín Kohan   »Sittenlehre«

6. Oktober 2010  Mittwoch  19:00 Uhr

(Lesung, Literatur)
Literarisches Zentrum, Göttingen

Vermeintlich harmlos beginnt der Roman Sittenlehre (Suhrkamp 2010) von Martín Kohan. Er umkreist historische Ungeheuerlichkeiten mit einer Unaufdringlichkeit, die einem die Kehle zuschnürt. Aber es ist ein Würgegriff mit Samthandschuhen. Nach Sekundenlang und Zweimal Juni hat der Argentinier auch hier einen feinen, hintersinnigen Roman vorgelegt, der beweist, dass Aufarbeitung ohne moralische Keule größte Durchschlagskraft haben kann.

Im Argentinien der 80er tut die Diktatur ihren letzten Atemzug. Als Schulaufseherin im Colegio Nacional ist María Teresa Teil eines komplexen Überwachungssystems. Ihr Alltag besteht aus Haar- und Strumpfkontrollen, dem Prüfen von Knöpfen und Krawatten. Ein eng geschnürtes Regelkorsett soll den »Geist der Subversion« im Keim ersticken. Als ihr Eifer sie auf die Jungentoilette führt, um einen Schüler in flagranti beim Rauchen zu erwischen, bekommt die Inszenierung von Normalität einen empfindlichen Sprung. Sorgfältig zerlegt Kohan die Maschinerie des Militärregimes und lässt uns anhand von Einzelteilen dessen monströse Mechanik nachvollziehen. Zusammen mit Friederike von Criegern de Guiñazú in ihrer Doppelrolle als Moderatorin und Dolmetscherin begegnen wir einer der kühnsten Stimmen der südamerikanischen Gegenwartsliteratur.